Fuss dehnen – Nackenbeweglichkeit erhöhen – Selbstversuch
Testablauf
1. Ausgangstest der Halsrotation im Fersensitz
- In einen normalen Fersensitz gehen.
- Einen festen Referenzpunkt im Raum auswählen.
- Den Kopf langsam nach links drehen und sich merken, bis zu welchem Punkt der Blick reicht.
- Zur Mitte zurückkehren.
- Den Kopf langsam nach rechts drehen und sich ebenfalls merken, bis zu welchem Punkt der Blick reicht.
2. Dehnung der Plantarfaszie
- Im Fersensitz bleiben.
- Alle Zehen beider Füße aufstellen, sodass die Zehenkuppen und Fußballen Kontakt zum Boden behalten.
- Das Körpergewicht auf den Füßen ruhen lassen, sodass eine deutliche Dehnung in der Fußsohle (Plantarfaszie) entsteht.
- Diese Position für etwa 2 Minuten halten.
3. Nachtest der Halsrotation
- Wieder in den normalen Fersensitz zurückkehren.
- Erneut den Kopf langsam nach links drehen und prüfen, wie weit der Blick reicht.
- Anschließend den Kopf langsam nach rechts drehen und ebenfalls die neue Bewegungsgrenze beurteilen.
- Die erreichte Kopfrotation mit den zuvor gemerkten Referenzpunkten vergleichen.
Beobachtung
Nach der zweiminütigen Dehnung der Plantarfaszie im aufgestellten Zehenstand innerhalb des Fersensitzes war die aktive Rotationsbeweglichkeit der Halswirbelsäule deutlich größer als vor der Dehnung. Der Blick konnte weiter nach links und rechts geführt werden.
1. Das Nervensystem verändert Muskelspannung im ganzen Körper
Der wahrscheinlich wichtigste Mechanismus ist nicht die Faszie selbst, sondern das Nervensystem.
In der Fußsohle sitzen sehr viele Mechanorezeptoren. Durch die intensive Dehnung der Plantarfaszie erhält das Gehirn starke sensorische Informationen. Das kann dazu führen, dass das Nervensystem die allgemeine Schutzspannung („Muskeltonus“) reduziert.
Wenn vorher die Nackenmuskulatur etwas angespannt war, kann diese Tonusreduktion dazu führen, dass die Halswirbelsäule mehr Bewegungsfreiheit bekommt.
Man sieht ähnliche Effekte auch:
- nach Waden-Dehnungen,
- nach Atemübungen,
- nach Mobilisation der Hüfte,
- nach manueller Therapie an ganz anderen Körperregionen.
2. Die sogenannte „hintere Faszienlinie“
In der Faszienforschung wird oft die „Superficial Back Line“ beschrieben, ein Konzept von Thomas Myers.
Sie verbindet vereinfacht:
- Fußsohle
- Achillessehne
- Waden
- hintere Oberschenkel
- Rückenfaszien
- Nacken
- Kopf
Anatomisch ist das keine einzelne durchgehende Schnur, aber die Gewebe sind mechanisch miteinander gekoppelt.
Wenn die Spannung am unteren Ende reduziert wird, kann sich die Spannungsverteilung entlang der gesamten Kette verändern. Die Effekte sind meist klein, können aber messbar sein.
3. Verbesserte Wahrnehmung der Bewegungsgrenze
Ein weiterer wichtiger Punkt:
Oft endet eine Bewegung nicht dort, wo die Anatomie endet, sondern dort, wo das Gehirn sagt:
„Bis hierhin fühlt sich das sicher an.“
Nach einer intensiven Dehnung kann sich diese Wahrnehmung verschieben.
Das bedeutet:
- Die Halswirbelsäule selbst hat sich nicht plötzlich verändert.
- Das Nervensystem erlaubt einfach etwas mehr Bewegung.
In der Forschung sieht man häufig, dass Dehnungen die „Stretch Tolerance“ erhöhen – also die Toleranz gegenüber dem Dehnungsgefühl.
4. Veränderung der Körperhaltung
Die Dehnung mit aufgestellten Zehen beeinflusst auch:
- Fußgewölbe
- Wadenmuskulatur
- hintere Muskelkette
- Beckenstellung
Schon kleine Änderungen der Haltung können die Ausgangsposition der Wirbelsäule verändern. Eine bessere Aufrichtung kann die Halsrotation erleichtern.
Was ist die wahrscheinlichste Erklärung?
Aus heutiger wissenschaftlicher Sicht würde ich die Ursachen ungefähr so gewichten:
- Neurophysiologische Tonusänderung / Nervensystem → am wahrscheinlichsten.
- Veränderte Wahrnehmung der Bewegungsgrenze → ebenfalls sehr wahrscheinlich.
- Mechanische Spannungsänderungen entlang der hinteren Faszienlinie → möglich, aber vermutlich ein kleinerer Beitrag.
- Haltungsänderungen → wahrscheinlich zusätzlicher Faktor.
